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Paul

Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.

So schrieb Seneca in seinem Brief an Lucilius ca. 62 n. Chr.

Heute kennen wir den Satz eher umgekehrt, „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“; teilweise sogar fälschlicherweise als Zitat von Seneca angegeben. So wurde aus der Kritik am Schulwesen eine belehrende Lobschrift gemacht. Doch müssen wir uns auch heute noch fragen: Lernen wir für das Leben? vitae discimusne?

 

Die auch heute noch eindeutige Antwort, die die meisten Schüler (und bestimmt einige Lehrer) freiheraus geben würden, wäre ein klares „Nein“.

„Non vitae sed scholae discimus“ – Seneca

So schrieb Seneca in seinem Brief an Lucilius ca. 62 n. Chr.
Heute kennen wir den Satz eher umgekehrt, „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“; teilweise sogar fälschlicherweise als Zitat von Seneca angegeben. So wurde aus der Kritik am Schulwesen eine belehrende Lobschrift gemacht. Doch müssen wir uns auch heute noch fragen: Lernen wir für das Leben? vitae discimusne?

Die auch heute noch eindeutige Antwort, die die meisten Schüler (und bestimmt einige Lehrer) freiheraus geben würden, wäre ein klares „Nein“. Wodurch die Frage entsteht, was diesen Zustand verursacht und ob nicht dadurch die Jugend ihres Rechts auf Bildung eher beraubt wird als dass sie Unterstützung erfährt. Dazu unterhielt ich mich mit meinen kleinen Brüdern über deren Schulstoff und verglich das Ganze mit meinen Erfahrungen. Für mich schließen sich folgende Feststellungen an:

  1. Die Inhaltsvermittlung ist überlastet, wodurch vieles nicht lange erörtert werden kann und den Schülern im Kern unverständlich bleibt. Gerade dann wird das Unverstandene für die nächste Arbeit nur auswendig gelernt, aber mangels weiteren Verständnisses nicht behalten. Ebenso werden die Schüler genötigt, historische oder numerische Fakten auswendig zu lernen, was schon an sich eine sinnlose Tätigkeit ist, denn was nicht im Lexikon steht, das gibt es nicht. Wozu sollte der Schüler mit Inhalten belastet werden, die er in einer realen Situation aus Nachschlagewerken oder dem Internet beziehen könnte. Nicht auf Wissen, sondern auf Können kommt es an. Mit der Überlastung auf der einen Seite geht die Kürzung auf der anderen einher. So kennt der „normale“ Schüler das Drehmoment nicht mehr und Magneten sind irgendeine Zauberei, von der keiner so ganz weiß, warum sie funktionieren. Der Mathelehrplan ist so überlastet, dass der Lehrer sich entscheiden muss, ob er Analysis oder Stochastik schwerpunktmäßig unterrichtet, damit der Schüler wenigstens eines der beiden Themenfelder beherrscht.
     
  2. Die Schule vermittelt überholte Inhalte und Kompetenzen. So beschäftigt sich der Schüler im Fach Chemie den größten Teil seiner Zeit mit dem „bohrschen Atommodell“, das zwar als Meilenstein in der Geschichte durchaus seinen Platz in der historischen Entwicklung der Chemie hat, jedoch heute als überholt gilt und durch das quantenmechanische Orbital ersetzt wurde. Dieses setzt in der siebten Klasse genau so viel Nichtwissen voraus, wie das bohrsche Modell, wäre aber bereits am Anfang die aktuelle wissenschaftliche Auffassung. Natürlich kann nicht von der Schule erwartet werden, wissenschaftliche Brisanz zu vermitteln, doch einige Aktualität kann sicherlich vorausgesetzt werden. So sind OHiMi-(Ohne Hilfsmittel-)Teile im Abitur wohl längst überholt, seitdem der Rechenschieber aus der Mode gekommen ist. In solchen Fällen stellt sich die Frage, ob so etwas zeitgemäß ist. Ich meine Nein, denn dass das Kopfrechnen ein wichtiger Teil der alltäglichen Mathematik ist, ist unumstritten, jedoch in der Zeit von Computer und Taschenrechner ist es wenig zielführend, einen Schüler Integrale im Kopf lösen zu lassen, da dies einerseits lebensfern und andererseits ineffizient ist. Es wird wohl keinen Fall geben, in dem es notwendig ist zu integrieren, ohne dass ein Taschenrechner oder Computer zu Hand ist. Auch die Literatur im Fach Deutsch ist wohl nicht mehr zeitgemäß. Natürlich ist auch hier die Vergangenheit wichtig, sie sollte jedoch niemals den Fokus der Veranstaltung darstellen. Goethe und Schiller mögen ihren Platz in der Geschichte haben, doch ist es wenig zielführend, den Schüler übermäßig mit ihnen zu belasten. Es gibt auch hier Werke der modernen Literatur, die zur besseren Erörterung gereichen können, weil sie kritischer sind als ein adliger Speichellecker aus Weimar. Dabei sind auch internationale Werke in ihrer deutschen Übersetzung durchaus zur Behandlung im Deutschunterricht geeignet, denn das Ziel des Faches Deutsch ist nicht, dass der Schüler danach die deutsche Literatur längst vergangener Epochen noch im Schlaf zu rezitieren weiß, sondern dass dieser fähig ist, längere Texte wortgewandt, zielführend und sprachlich korrekt zu formulieren.
     
  3. Die Schule vermittelt keine Methoden. In der letzten Zeit wird zwar ein Fokus auf sogenannte Kompetenzen gelegt, die der Schüler erlernen soll, diese sind jedoch nur eine schöne Umschreibung für Gesichtsbewertung. Ob jemand einen Kompetenzpunkt bekommt oder nicht ist so wenig mess- oder belegbar, dass diese Sparte der Bewertung wohl nur zu Willkür der Benotung beigetragen hat. Echte Methoden werden, sofern man „du darfst bei mikroskopischem Zeichnen nicht absetzen“ oder „Vorsicht mit dem Bunsenbrenner“ nicht mitzählt, nicht gelehrt. Der durchschnittliche Schüler wird, wenn man ihn fragt, nicht sagen können, wie Wissenschaft eigentlich funktioniert oder wie man argumentiert und dementsprechend auch nicht, wie man populistische Argumente oder Zirkelschlüsse erkennt. Dieses Defizit führt zu Irrglauben in der Bevölkerung, zu der Auffassung, dass Evolution „nur“ eine Theorie sei, weil man den Unterschied zwischen Theorie und Hypothese nicht kennt, oder dass Argumente wie „Während/Nach der Flüchtlingskrise passierte X, deshalb sind die Geflüchteten für X verantwortlich“ nicht sofort als Scheinargumente verstanden werden. Die Methoden, das Universum und alles darin verstehen zu können, sind weitaus wichtiger als die mittlere Entfernung vom Uranus zur Sonne, welche ich im Übrigen, wie vermutlich jeder andere, der nicht gerade an einer deutschen Schule für genau diese Arbeit im Fach Astronomie lernt, nachschlagen müsste. Hier müssen die Schulen nacharbeiten, und sollte dies nicht geschehen, so brauchen wir uns nicht über die hohen Abstimmungswerte für Populisten und Sophisten wundern.
     
  4. Das Wahlsystem für Fächer im Abitur ist unzureichend, ungerecht und beginnt zu spät. Die meisten Studenten brauchen den überwiegenden Teil des in der Schule Gelernten nicht, während ihnen wichtige Teile fehlen, die sie nachholen müssen. Dieser Zustand ist weitestgehend dem Wahlsystem im Abitur geschuldet. Durch die unterbesetzten Provinzschulen kann nicht überall jedes Fach angeboten werden. Dieser Zustand ist katastrophal und kann jungen Menschen ihre Zukunft verbauen. Weiterhin ist die mögliche Wahl keine. Wozu der Mathematiker die Fächer Sport, Kunst, Musik, Religion, Geologie und Biologie braucht, ist unklar, sofern er nicht ein persönliches Interesse an einem dieser Fächer hat. Durch das Wahlsystem in Blöcken (naturwissenschaftlicher, sprachlicher und gesellschaftswissenschaftlicher Block) sind auch nur gewisse Kombinationen möglich, was als solches schon Studiengänge ausschließt. Sollte so jemand Biochemie studieren wollen und eine adäquate Vorbereitung auf sein Studium erwarten, so wird er enttäuscht, denn Biologie und Chemie können nicht beide zusammen mit erhöhtem Anforderungsniveau gewählt werden, dafür muss der zukünftige Biochemiker aber noch Geografie oder Wirtschaft und Recht oder Geschichte wählen. Häufig wird in diesem Moment vorgebracht, dass der betroffene Schüler ja ein zusätzliches 13. Fach oder einen gA-Kurs in seinem gewünschten Zweitfach belegen könne. Dies wäre aber nur mit grundlegender Anforderung (gA), d.h. mit weniger Wochenstunden und damit nicht für die Studiumsvorbereitung geeignet. Dafür hat der Biochemiker aber wenigstens zweimal die Woche Sport. So sieht „das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen“ (Artikel 12 Grundgesetz) aktuell aus. Ich finde, dies ist unhaltbar. Dann muss das Wahlsystem auch früher beginnen und außerdem für die Fächer Mathe und Deutsch gelten, denn was soll der zukünftige Germanist mit Mathe im Abitur (d.h. Integralrechnung, Vektorrechnung, etc.) oder der Mathematiker mit der Fähigkeit, Aufsätze zu schreiben. Ein früherer Beginn, z.B. in der neunten oder zehnten Klasse, würde ermöglichen, dass Schülern, die sich tatsächlich für das Fach interessieren, auch ein tieferer Einblick ermöglicht wird und die Andersinteressierten sich in ihren Interessenfächern engagieren.
     
  5. Sinnloser Drangsalierung muss ein Riegel vorgeschoben werden. So stellt sich die Frage, warum es unangekündigte Leistungserhebungen gibt. Der Lehrer antwortet darauf: „Damit die Schüler sich auf den Unterricht vorbereiten“. Jedoch ist dies zum Ersten illusorisch und zum Zweiten unpädagogisch. Denn warum soll sich der Schüler jeden Tag auf den Stoff von sechs bis acht Fächer vorbereiten, d.h. für diese Fächer den Stoff auswendig lernen? Auch hier meint der Lehrer, dies diene der Festigung. Jedoch sobald der Schüler von einem Themengebiet in das nächste übergeht, ist auch der so „gefestigte“ Stoff wieder verloren. Weiterhin wird der belastete Schüler sich sowieso mit dem Stoff flüchtig am Vorabend auseinandersetzen, in der Angst vor der unangekündigten Leistungskontrolle (LK). In der Realität ist die unangekündigte LK eher ein Mittel der Bestrafung a la „Wenn ihr X weiterhin tut oder nicht tut, dann schreibe ich ab sofort unangekündigte LKs“. Abgesehen davon sind diese Erhebungen auch realitätsfern. Wann kommt jemand plötzlich auf Sie, verehrter Leser, zu und erfragt die Hauptstädte der Länder Afrikas? Das Lehren der Methoden und die Generalisierung und Universalisierung des Lernstoffes erreichen generelle und universelle Anwendungsmöglichkeiten, nicht das stupide Auswendiglernen des Stoffes, um einer schlechten, unangekündigten Bewertung zu entgehen.
     
  6. Hausaufgaben. Studien zeigen, dass Hausaufgaben einen so geringen Einfluss auf den Lernerfolg haben, dass es nicht begründbar ist, dass diese weiterhin verordnet werden. Es ist natürlich richtig, dem Schüler, der etwas zu Hause wiederholen möchte, einige Aufgaben vorzuschlagen, diese jedoch zur Pflicht zu erklären ist unnütz. Weiterhin entfallen die Hausaufgaben in den meisten Fällen auf die Eltern (oder die großen Geschwister, die sich mit dem Unsinn bereits auseinandersetzen mussten). Den Gipfel der Absurdität stellen Experimente als HA dar. Es kann und darf nicht erwartet werden, dass das Elternhaus des Schülers die wie auch immer gearteten Kapazitäten hat, um ein Experiment jedweder Art durchzuführen. Im Zusammenhang mit Hausaufgaben werden auch gerne Anforderungen wie „bring doch mal eine Zeitung mit“ oder „druckt das doch mal zu Hause aus“ gestellt, die zum Ersten voraussetzen, dass der Schüler oder dessen Eltern eine Zeitung oder einen Drucker haben und zum Zweiten ebenso gut von der Lehrkraft unter Einbeziehung der „schulischen Ressourcen“ bereitgestellt werden könnten.

Fazit: Gesamtschulen mit Ganztagsangebot, die zentralisiert in die Infrastruktur der Umgebung eingebunden sind, kostenloser Nahverkehr für Schüler und methodenorientierte Lehrpläne könnten diese Probleme beheben. Dazu muss die Leistungsbewertung transparenter erfolgen und nachvollziehbar sein, Hausaufgaben sollten abgeschafft werden und durch freiwillige Nachmittagsnachhilfe ersetzt werden. Eine Zentralisierung der Schulen, eingebunden in funktionierende und schnelle Infrastruktur, ermöglicht den Schülern ein breites Angebot an Wahlfächern und der Schulverwaltung die Einrichtung vieler verschiedener spezialisierter Lehrräume wie Computerkabinette, Laborräume und Präsentationsräume. Die Anbindung an lokale Versorgungsunternehmen für die Schulspeisung oder das Betreiben einer Cafeteria würde auch der lokalen Wirtschaft zugutekommen und durch den stetigen Bedarf eine höhere Qualität der Versorgung ermöglichen. Solche tiefgreifenden Reformen würden zwar die „Dorfschulen“ auflösen, jedoch würden durch ein allgemeines Infrastrukturprojekt zur Etablierung schneller und zuverlässiger Verbindungen zum Betrieb des Schulwesens nicht nur Schüler, sondern auch die Bewohner strukturschwacher Regionen profitieren. Auch würde durch die Zentralisierung in wenigen Standorten das Lehrpersonal entlastet werden und eine Unterrichtgarantie durch Vertretungsunterricht ermöglicht werden. Gleichzeitig könnte der Verwaltungsapparat, der die heutige Schulstruktur verwaltet, verjüngt werden und so auch hier eine höhere Effizienz des Schulsystems ermöglicht werden.