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Stefan

Kampf um Themar

Im Sommer 2017 bliesen Neonazis zum „Sturm auf Themar“. So jedenfalls der Slogan auf extra für ein Rechtsrockkonzert angefertigten T-Shirts, die sich offensichtlich großer Beliebtheit in der Szene erfreuen. Drei Neonazi-Konzerte, jeweils als „politische Kundgebung“ deklariert, um in die Vorzüge des Versammlungsrechts zu kommen, obwohl es sich eindeutig um kommerzielle Veranstaltungen handelte, fanden 2017 in dem kleinen Städtchen im Kreis Hildburghausen statt. Mit ungefähr 6.000 Teilnehmern beim sogenannten „Rock gegen Überfremdung“ setzte die Szene dabei auch neue Maßstäbe, was die Dimensionen solcher Veranstaltungen in Deutschland angeht.

Als Organisatoren der rechtsextremen Musikveranstaltungen treten Tommy Frenck und Patrick Schröder auf. Frenck, von dem im Zusammenhang mit der Kommunalwahl im Frühjahr 2018 schon hier im Anstoß zu lesen war, veranstaltet auch in seinem Gasthaus „Goldner Löwe“ in Kloster Veßra regelmäßig in kleinerem Rahmen Events der rechten Szene – im Prinzip wöchentlich, wie im Spiegel zu lesen war. Themar liegt nur drei Kilometer die Straße runter. Aus seinem neonazistischen Versandhandel, über den er etwa Kleidung wie die „Sturm auf Themar“-T-Shirts, Flaggen, verschiedene Drucksachen und Bücher vertreibt, gibt es auch auf den Konzerten in Themar eine große Auswahl. Auch Patrick Schröder verdient mit einem Versandhandel sein Geld. Der NPD-Mann aus der Oberpfalz verkauft hauptsächlich Kleidung unter dem Label „Ansgar Aryan“, aber daneben auch allerlei Nazi-Nippes. In der NPD-Hierarchie schaffte es Schröder zwischenzeitlich sogar in den Vorstand des bayerischen Landesverbandes.

Auch in diesem Jahr erfreut sich Themar großer Beliebtheit bei den Nazis. Zu den sogenannten „Tagen der nationalen Bewegung“, die diesmal unter dem Banner der NPD organisiert wurden, kamen am ersten Juni-Wochenende erneut 2.250 Neonazis in den 2.913-Seelen-Ort. Nach Angaben der Polizei reisten die Nazis aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus Frankreich, Italien, Kroatien, Norwegen, Russland, der Schweiz, der Slowakei und Tschechien an. Doch die Konzerte sind nicht die einzigen Veranstaltungen mit rechtem Hintergrund, die hier stattfinden. Seit einiger Zeit kommt es auf der Wiese, welche auch als Konzertfläche dient, zu monatlichen Zusammenkünften unter der Bezeichnung „Thing-Kreis Themar“. Dahinter verbergen sich ehemalige Mitglieder des Holocaustleugner-Netzwerkes „Europäische Aktion“ und eifrige Aktive der rechtsradikalen Sügida/Thügida. Laut der Veranstalter beteiligen sich aber auch Mitglieder der Neonazi-Pseudo-Partei „Der III.Weg“ und andere Gruppierungen an den Veranstaltungen – man kennt sich in der Thüringer Neonazi-Szene ja gut. Termine bis Ende des Jahres sind bereits bei der Ordnungsbehörde angemeldet. Ende Juni gab es zudem auch eine Sommersonnenwende-Feier an gleicher Stelle und von denselben Organisatoren.

Dass ausgerechnet ein AfD-Mitglied das Grundstück für die Neonazi-Veranstaltungen zur Verfügung stellt und damit diese Veranstaltungen erst ermöglicht, ist bezeichnend. Die Ankündigung des Eigentümers, weiterhin solche rechtsextremen Veranstaltungen dort zuzulassen, es sei denn, man kaufe ihm das Gelände ab, zeugt aber auch von einem ans Erpresserische grenzenden Sinn fürs Geschäft. Themars Bürgermeister Böse sagte gegenüber Medien, dass die Stadt Themar durch einen solchen Kauf allerdings überfordert wäre. „So eine Fläche zu erwerben, ist sicher für einen Landwirt überhaupt kein Problem, für eine Kommune schon“, wird Böse im Herbst letzten Jahres vom MDR zitiert. Zu befürchten steht natürlich auch jederzeit ein Ankauf durch die Organisatoren selbst, die mit den Konzerten ordentlich Geld in die Taschen sacken. Allein mit dem Ticketverkauf dürfte die NPD bei den „Tagen der nationalen Bewegung“ ungefähr 80.000 € eingenommen haben. Da bleibt selbst nach Abzug aller Kosten für Bands, Bühne, Technik und allem, was sonst noch für eine solche Veranstaltung nötig ist, noch ordentlich was übrig, was in die Taschen der Neonazi-Partei fließt. Hinzu kommen Verkäufe von T-Shirts, Aufklebern, Postern, CDs und allerlei anderen Nazi-Fan-Artikeln. Für die drei Veranstaltungen 2017 geht man von rund 100.000 € aus, die allein in Themar gesammelt wurden.

Allein bei der Veranstaltung Anfang Juni wurden 84 Straftaten registriert, auch bei den vorangegangenen Konzerten gab es viele Gesetzesverstöße, darunter Körperverletzung, Verstöße gegen das Waffengesetz, Bedrohungen sowie natürlich die „Klassiker“ Volksverhetzung und Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole. Auch Katharina König-Preuss, die sich vor Ort selbst ein Bild gemacht hat und den Gegenprotest unterstützte, wurde angegriffen, zum Glück erfolglos.
Der Auftritt der britischen Neonaziband „Brutal Attack“ endete mit Abbruch, nachdem indiziertes Liedgut gespielt wurde. Die diesmal sehr aufmerksam agierenden Polizeikräfte unterbrachen den Auftritt und führten den Sänger kurzerhand ab. Das sorgte für Unmut in der Szene, die sich über mangelnden Einsatz der Veranstalter für die Band beklagte. Leider konnte die Veranstaltung nach dem abgebrochenen Auftritt von „Brutal Attack“ dennoch fortgesetzt werden.

Der angekündigte Sturm auf Themar blieb aus, so war im vergangenen Jahr trotz der hohen Teilnehmerzahlen zu lesen. Aber die Eroberungsfeldzüge der Rechtsextremen setzen sich fort und können auch in langsameren Schritten erfolgen. Am 25. August wird Frenck wieder in Themar aufschlagen: An vier Stellen rund um das Zentrum der Stadt hat er Kundgebungen seines „Bündnis Zukunft Hildburghausen“ angemeldet. Eine richtige Belagerung der Stadt, zum Beispiel auch vor der Kirche, die eine wichtige Institution des Gegenprotestes in der Stadt ist. Offenbar soll mit dieser dauerhaften Präsenz eingeschüchtert werden – auf Themar liegt der Gebietsanspruch der Rechtsextremen. Die Zahl der Veranstaltungen spielt dabei eine wichtige Rolle. Gegner werden so ermüdet, die Anreise bloß zum Protest gegen den Nazi-Spaß ist unattraktiv und aufwendig. Für manche Menschen vor Ort stellt sich leicht ein Gewöhnungseffekt ein. Dass dort Nazis ihre durchideologisierte Musik spielen, wird normal. Und: „Ach, das ist doch bloß Musik.“ Ja, Musik, in der gegen alles gehetzt wird, was nicht in den eigenen eingeschränkten Horizont passt, und in der auch schon mal zum Töten, Vertreiben oder Foltern aufgerufen wird. Andere Menschen wiederum werden von dieser Normalisierung eingeschüchtert, weil man nicht mehr weiß, auf welcher Seite die Nachbarn sind. Wird es vielleicht gefährlich, wenn ich zu offen zeige, dass ich gegen diese Nazis bin? Als kürzlich ein Haus in Themar in Flammen stand, zudem noch eines, welches früher jüdische Eigentümer hatte, wurde dies vor Ort in einen solchen Kontext gesetzt – die Ermittlungen dauern noch an. Dass es die Nazi-Nachbarn gibt, daran besteht kein Zweifel: Bei der Landratswahl erreichte Frenck im Frühjahr in Themar selbst mit 267 Stimmen immerhin knapp 20 Prozent der abgegebenen Stimmen. Fast 10 Prozent der Einwohner. Nach den „Tagen der nationalen Bewegung“ kommentierte Frenck im Internet: „Die Festung Themar hält!“ Und das meint er genau so. Nach Kirchheim (bei Erfurt) ist es damit gelungen, einen zweiten dauerhaften Event-Stützpunkt in Thüringen zu etablieren, das erfolgreiche Konzept wird wohl schon für andere Orte kopiert.