26. April 2016 Haskala

Rassistischer Wanderzirkus: THÜGIDA im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt

Sich in Thüringen den Nazis entgegenzustellen, heißt im Moment hauptsächlich, gegen den rassistischen Wanderzirkus der Thügida auf die Straße zu gehen. Auch die Demonstrationen in Saalfeld und Rudolstadt im November 2015 und Ende März/Anfang April dieses Jahres wurden von Thügida veranstaltet. Seit dem 23. März 2015 tritt die Gruppierung öffentlich mit Demonstrationszügen auf. Der Zusammenschluss unterschiedlicher Rechtsextremer ging aus der Sügida hervor, die sich zu diesem Zeitpunkt auf absteigendem Ast befand. Zu Thügida zu rechnen sind auch die zahlreichen, zum Teil nur virtuell bestehenden Gruppen, die sich Namen wie „Wir lieben Ort XY“ oder „Wir lieben Kreis YZ“ geben. Auch wenn sie immer wieder den Anschein erwecken wollen, handelt es sich bei diesen Gruppen keineswegs um die sprichwörtlichen „besorgten Bürger“. Das Thüringer Innenministerium bewertet Thügida und ihre Nebengruppierungen als rechtsextremistisch und ein Blick auf einige Akteure genügt, um diese Einschätzung zu teilen.

Eine der zentralen Figuren bei Thügida ist David Köckert, der nicht nur häufig als Anmelder fungiert, sondern auch oft selbst auf der Rednerbühne steht. Nach dem Scheitern der Sügida-Demonstrationen wurde Köckert mit der Organisation der Thügida-Demonstrationen zu einer Art neuer Ikone für die rechte Szene. Er sitzt für die NPD im Stadtrat Greiz und war einige Zeit Landesorganisationsleiter der Nazi-Partei, ehe er kurz vor Beginn des Verbotserfahrens gegen diese den Posten aufgab. Neben mehreren Verfahren wegen Körperverletzungen gegen politische Gegner, dem Organisieren illegaler Rechtsrock-Konzerte und dem Verwenden von Nazi-Symbolen wurde gegen Köckert in der Vergangenheit auch wegen Betrugs, Versicherungsbetrugs, Kreditkartenbetrugs und Sozialversicherungsbetrugs ermittelt. Trotz eines eingeleiteten Insolvenzverfahrens gegen ihn und der Pleite einer von ihm betriebenen Firma, gehört Köckert zu den reisefreudigsten Thüringer Neonazis, die Woche für Woche unterwegs sind. So stand er auch in Saalfeld auf dem Rednerpodest und hetzte vor allem gegen Journalistinnen und Journalisten, sowie gegen Politiker aus dem Landkreis. Besonders abgesehen hatte er es aber auf die Kirchenvertreter, die die Redetätigkeit der Nazis mit schallendem Glockengeläut „begleiteten“, so dass er in deren Klang nahezu unterging.

Aber auch andere rechte Strömungen sind auf den Thügida-Aufmärschen präsent. Redner der sogenannten „Europäischen Aktion“ sprachen auf den Veranstaltungen in Saalfeld und Rudolstadt und gehören offenbar zum regelmäßigen Repertoire von Rednern Thügidas. In Rudolstadt sprach etwa Christian Bärthel auf Köckerts Thügida-Wagen. Gegen Bärthel wurde wiederholt wegen Volksverhetzung und antisemitischer und auch antiislamischer Äußerungen ermittelt, womit er gut in das Netzwerk der „Europäischen Aktion“ passt, das aus Holocaustleugnern, sogenannten Reichsbürgern und anderen Geschichtsrevisionisten besteht. Das Spektrum der Nazi-Parteien hat auch Bärthel mit NPD und DVU abgeklappert. In Rudolstadt nannte er die Regierung eine „Verbrecherbande“ und fantasierte über eine „Völkervernichtung“ in Deutschland. Die zu uns kommenden Flüchtlinge verglich er mit „giftigen Pilzen“ die man sich ins Haus holen würden. Manchmal muss er sich dabei anstrengen, seinen Antisemitismus in einem Anti-Amerikanismus zu verstecken. Dabei versteht er sich offenbar als christlicher Missionar und argumentiert ständig mit Bibelzitaten, die er sich kreativ entsprechend zurechtbiegt und -deutet.

Es muss verwundern, wenn immer noch Menschen behaupten, dass man diese Menschen – die unter dem Aufruf der Thügida und „Wir lieben XY's“ marschieren – ja nicht gleich als Nazis bezeichnen muss. Dass man es hier aber mit Nazis zu tun hat, wird schon am Auftreten einiger dieser Menschen sehr deutlich: Köckert etwa trägt das Geburtsdatum Hitlers auf die Knöchel seiner Finger tätowiert. Ein anderer Demonstrationsteilnehmer in Saalfeld und Rudolstadt trug ein Tattoo eines Reichsadlers mit einer Achtundachtzig darunter – was in rechten Kreisen eine Chiffre für „Heil Hitler“ ist. So etwas trägt man nicht zufällig. Eine Reichskriegsflagge und verschiedene, an diese angelehnte Phantasiefahnen in schwarz-weiß-rot, werden als Markenzeichen der Thügida geschwenkt – und wer unter solchen Symboliken aufmarschiert, kann sich nicht ernsthaft beschweren, als Nazi bezeichnet zu werden. Köckert wertete diese Bezeichnung in Saalfeld übrigens als „Ritterschlag“.

Und so kann es auch nicht verwundern, dass gerade im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt Thügida-Teilnehmer in den letzten Wochen und Monaten an mehreren gewalttätigen Übergriffen beteiligt waren. Verbindungen lassen sich zudem auch von den Thügida-Organisatoren zur neonazistischen „Gruppe Freital“ ziehen, die wegen des Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung festgenommen wurden. Diese Gruppe, die mehrere Anschläge auf politische Gegner und auf Flüchtlingsunterkünfte verübt haben soll, griff unter anderem eine antirassistische Demonstration in Freital an – und auf Bildern dieses Angriffs ist neben anderen bekannten Nazis aus der Region der Anmelder der Thügida-Demonstration am 20. April in Jena zu sehen.

Und all das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Quelle: http://www.die-linke-saalfeld-rudolstadt.de/aktuell/aktuell/detail_nachrichten/browse/1/artikel/rassistischer-wanderzirkus-thuegida-im-landkreis-saalfeld-rudolstadt/