16. Januar 2018

Weihnachtslied. Chemisch gereinigt.

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Kulturkampf zwischen Konservatismus und Progressivität

Weihnachtszeit ist eine Zeit des christlichen Glaubens. Selbst Nicht-Gläubige beschäftigen sich mit biblischem Gedankengut. Doch die Bibel muss umgeschrieben werden, oder zumindest ergänzt: Das Poschardt-Evangelium bringt den doch etwas in die Jahre gekommenen Schmöker auf den neusten Stand. Poschardt – damit ist Ulf Poschardt gemeint, der seines Zeichens Chef-Redakteur für DIE WELT, Springers Hetzblatt für Menschen mit Geld und/oder zwei Krümeln Grips, ist. Der ging zu Weihnachten nämlich mal wieder in die Kirche und war damit nicht so richtig zufrieden. „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“ schrieb er auf Twitter, um sich Luft zu machen.

Es ist freilich nicht ganz klar, wie der Satz gemeint ist. Waren dem Herrn Poschardt zu viele Menschen in der Kirche, die zur grünen Jugend und zu den Jusos gehören? Waren dem Herrn Poschardt die in der Predigt vorgetragenen Inhalte zu „links“? Oder war die Predigt allgemein zu politisch? Tatsächlich war die Predigt, die Poschardt besuchte, wohl sehr von alltagspolitischen Inhalten geprägt – gehalten wurde sie von einem ehemaligen brandenburgischen SPD-Minister und -Bundestagsmitglied, Steffen Reiche. Der soll, so berichten Zeitungen, den „Glauben“ Trumps an neoliberale Mantras verurteilt haben. Einleitend las er zur Predigt wohl Kästners „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“: „Morgen, Kinder, wird's nichts geben! / Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.“ Das war wohl zu viel für Poschardt. Soviel linkes Gedankengut, da musste ihm wohl die Hutschnur hochgehen. Dass Pfarrer Reiche auch – etwas geschichtsvergessene – Kritik am Islam geäußert hat, hat es dann offensichtlich auch nicht gerettet. Aber man muss sich schon mal auf der Zunge zergehen lassen: Die strukturkonservative – weil allein auf der Auslegung eines jahrhundertealten Buches beruhende – Institution Kirche ist dem deutschen Verteidiger des christlichen Abendlandes zu progressiv. Der Christ möchte gern selbst festlegen, was christlich ist – was ist schon die Kirche, ein Pfarrer etc. Natürlich ist jedem Menschen erlaubt, zu glauben, was er möchte, doch liegt in der Kritik Poschardts ein weitergehender Anspruch. Er ist der Meinung, dass sein Glaube und sein Verständnis des Christentums das einzig richtige sind.

Im Internet hoben die Kommentatoren als Antwort auf die Verlautbarung des WELT-Chefredakteurs an, unter dem Schlagwort #PoschardEvangelium Passagen aus der Bibel umzuschreiben und ihnen einen, vermeintlich dem Herrn Poschardt genehmeren, neoliberalen Anstrich zu geben. Darunter gab es einige sehr schöne Beispiele:

„Dann ging Jesus in den Tempel, jagte alle Armen und Obdachlosen hinaus, stieß die Tische und Stände der Tafel um und rief ihnen zu: ‚Ihr wisst doch, was Gott sagt: Mein Haus soll ein Ort des Geldes sein, ihr aber macht ein Sozialalamt daraus!‘“ (Vgl. Matth. 21:12, Mark. 11:15, Luk. 19:45)

„Darauf hub der neoliberale Samariter an und sprach zu dem unter die Räuber Gefallenen: ‚Wahrlich ich sage dir, wir können nicht allen helfen. So kümmere dich nun eigenverantwortlich um deine Rettung, statt leistungslos im Staube zu liegen.‘“ (frei nach Luk. 10:30-37)
„Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen in der Landesaufnahmestelle und mir einen Ablehnungsbescheid für meinen Asylantrag ausgehändigt, denn fürwahr, ich stammte aus einem sicheren Herkunftsstaat.“ (Vgl. Matth. 25:43)

„Es waren etwa fünftausend Männer. Dann nahm Jesus die Brote, teilte sie in kleine Stückchen und wurde durch den Verkauf sehr reich, denn die Nachfrage war groß und das Angebot klein; ebenso machte er es mit den Fischen.“ (frei nach Joh. 6:1-14)
Hinter diesem allen steckt aber ein ernster Grund, der von den witzigen Bibelumdichtungen nicht überdeckt werden kann. Hinter den Kulissen der Gesellschaft tobt ein Kulturkampf, der aber nicht zwischen Christentum und Islam verläuft, wie uns manche versuchen glaubhaft zu machen. Es ist der zwischen einem reaktionären „Konservatismus“ und einem Gesellschaftsverständnis, welches auf der Höhe der Zeit ist – von „progressiv“ will ich an der Stelle gar nicht reden. Dabei handelt es sich um einen Kampf um die Deutungshoheit von Begriffen und Ideen. Was es heißt christlich zu sein, ist dabei nur ein Beispiel von vielen. Gerade zur Weihnachtszeit aber ein sehr relevantes.

Wohin dieser reaktionäre Konservatismus führt ist, am Beispiel der „Patriotischen Christen Deutschlands“ zu erkennen. Um die Weihnachtszeit appellierten diese in widerlichen Handzetteln, die sie wohl in Anlehnung an Luther an die Kirchentüren anbrachten, an die Kirchen in diesem Land, sicherzustellen, dass „Deutschland das Land der Deutschen“ bleibe, denn dieses Land ist „dem deutschen Volk von Gott zugewiesen und keinem anderen Volk“. Gleichzeitig solle die Nächstenliebe als „Liebe am Eigenen“ und nicht als „Jedermannsliebe“ verstanden werden. Wem jetzt noch nicht klar ist, dass es sich hier um christlich umformtes Reden aus der extremen Rechten handelt, sollte spätestens dann hellhörig werden, wenn davon gesprochen wird, dass ein Ende des „Kults mit der Schuld“ gefordert wird. „Schuldkult“ ist eine Floskel der extremen Rechten, die damit die Erinnerung an den Holocaust und die Verantwortung der Deutschen meinen. Die patriotischen „Christen“ (wahrscheinlich aus dem Umfeld der bayrischen Pegida-Ableger) wollen sich davon freisprechen, da der Bund mit Christus von der Erbsünde freimache.

Das ist nicht nur theologisch sehr fragwürdig. Da werden Erinnerungen an die dunklen Zeiten wach, als etwa die Kirche im Nationalsozialismus sich an eine theologische Begründung machte, warum das deutsche Volk nun das auserwählte sei und so weiter. Die Gleichschaltungsversuche gegenüber den Kirchen, das sei hier nur am Rande erwähnt, nahmen damals übrigens ganz maßgeblich von Thüringen ihren Ausgang, wo sich bereits 1932 die „Deutschen Christen“ gründeten, die mit einer völkischen Ideologie gegen die „jüdische Überfremdung“ und für eine „Germanisierung des Christentums“ bis 1933 bereits die Leitung mehrerer Landeskirchen in Deutschland übernehmen konnte. Daran schließen sich die Aussagen der patriotischen „Christen“ mit ihrer Umdeutung der christlichen Lehre nahtlos an.
Die Verbindung zu Poschardt scheint hier auf den ersten Blick vielleicht leicht konstruiert. Sie wird aber so tatsächlich auch von neurechten Seiten hergestellt, etwa von der widerlich islamfeindlichen Internetseite pi-news, deren Hetzer Stürzenberger einmal Pressesprecher der CSU-München war, bevor er Vorsitzender der rechtsextremen Splitterpartei „Die Freiheit“ wurde. Als er sich nun zu den beiden Episoden aus der Weihnachtszeit ausließ, überschlug er sich förmlich mit Beleidigungen gegenüber den Kirchen und ihren Vertretern, die er als „System-Profiteur[e]“, „widerliche[n] Heuchler in roten Kirchenroben“ oder gar „opportunistische[n] Maden im Speck“ betitelte. In den Kommentaren unter dem Artikel wird schnell klar, wie das Ganze zu verstehen ist. In typischem rechtsextremen Duktus wird dort erklärt, dass die Kirchenvertreter allesamt Teil der jüdischen Weltverschwörung sind, die nur dazu da ist, die weiße Rasse zu unterjochen. Davon schreibt der Autor selbst nicht. Er bezeichnet die Kirchenvertreter, die sich für eine menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen einsetzen und den Dialog mit der muslimischen Glaubensgemeinschaft suchen, nur als „Volksverräter“ – allerdings stammt dieses Wort aus dem gleichen antisemitischen Sprachgebrauch, wie die Idee der jüdischen Weltverschwörung.

Das Verschwörungstheoretische lässt sich noch ein Stück weiterverfolgen – und auf diese Weise der Kreis wieder zu Poschardt schließen. Denn neben der jüdischen Weltverschwörung ist natürlich noch etwas anderes am Werk. Stürzenberger spricht von einer „sozialistische[n] Unterwanderung der Kirchen“ und steht damit eben nicht alleine. In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung der Vorsitzende der Luther-Stiftung: „In den Führungsgremien, den Synoden, hat ein rot-grünes Milieu die Macht an sich gerissen.“ Und was in den Kirchen passiere, habe mit biblischer Verkündung nichts mehr zu tun. Poschardts Kommentar dazu war schlicht: „Auf den Punkt“. Offenbar hält es auch Poschardt für zutreffend, dass „seine“ Kirche, „sein“ christlicher Glaube, sein letztes Refugium von den falschen Mächten okkupiert werden.

Warum sollte uns das beschäftigen als Linke, auch wenn wir keine gläubigen Christen sind? Weil es den gesellschaftlichen Konflikt aufzeigt, der im Moment vor sich geht. Und es zeigt, wie nah konservativer und rechtsextremer Diskurs beieinanderliegen. Das geht uns an, wenn wir die Verhältnisse verbessern wollen.

Stefan aus dem Haskala

Quelle: http://www.die-linke-saalfeld-rudolstadt.de/aktuell/aktuell/detail_nachrichten/artikel/weihnachtslied-chemisch-gereinigt/