2. April 2017 Tilo Kummer (MdL)

Kalibergbau an der Werra

Die Kalisalzvorkommen in Thüringen und Hessen gehören zu den bedeutendsten Bodenschätzen Deutschlands. Nach rund 125 Jahren der Rohstoffgewinnung ist ein Ende des Kalibergbaus jedoch absehbar. Das letzte im Werrarevier noch produzierende Werk in Thüringen, Unterbreizbach, soll bereits in ca. 10 Jahren geschlossen werden. Diesen Weg so zu begleiten, dass es zu keinen Verwerfungen in der im Wesentlichen vom Kalibergbau lebenden Region kommt, ist Aufgabe einer vorausschauenden Politik. Zugleich muss in den letzten Jahren der Kaliproduktion die Voraussetzung geschaffen werden, dass nach Beendigung des Bergbaus von seinen Hinterlassenschaften keine Gefahr für die Bevölkerung ausgeht. Dazu muss das Bergbauunternehmen in die Pflicht genommen werden. Die Erfahrungen aus den Bereichen des Steinkohlenbergbaus oder der Erzeugung von Atomstrom lehren uns, dass die kostenaufwendige Beseitigung von Hinterlassenschaften einst profitabler Unternehmen meist auf den Steuerzahler abgewälzt wird.

Aktuelle Situation der Kaliindustrie an der Werra

Die Kali+Salz-Gruppe (K+S AG) beschäftigt weltweit 10.000 Mitarbeiter und ist mit über vier Milliarden € Umsatz der fünftgrößte Produzent der Branche in der Welt. Im Bereich der Herstellung von Kalium- und Magnesiumprodukten arbeiten 8.000 Mitarbeiter in sechs Bergwerken. Ein neues Werk entsteht gerade in Kanada, das sogenannte Legacy-Projekt. Dort soll künftig Kalidünger durch Auslaugung der Lagerstätte mit Hilfe von Bohrungen statt im klassischen untertägigen Abbau in Gruben gewonnen werden. Dieses Verfahren dürfte wesentlich preiswerter sein. Da die Umweltschutzvorschriften in Kanada auch nicht denen Europas und Deutschlands entsprechen, ist eine Verdrängung von europäischem Kalidünger vom Markt durch das Legacy-Projekt zu erwarten.
Das Werk Werra der Kali+Salz Kali GmbH (K+S), in der Grenzregion zwischen Hessen und Thüringen liegend, ist mit rund 4.000 Beschäftigten der bedeutendste Arbeitgeber dieser Region. Es werden Düngemittel, Pharmasalze und Nahrungsergänzungsmittel produziert. Die Magnesiumvorkommen in der Lagerstätte ermöglichen einzigartige Produkte, die sich deutlich teurer verkaufen lassen als normaler Kalidünger. Die K+S-AG erwirtschaftet jährlich mehrere hundert Millionen Euro Gewinn!

Allerdings sind Teile der Lagerstätte an der Werra bereits weitgehend ausgebeutet. Der untertägige Abbau wird in neue Gebiete Hessens ausgedehnt. Dort reicht die Lagerstätte vielleicht noch 30 bis 40 Jahre.

Umweltbelastungen und Gefahren für die Bevölkerung

Von Beginn an ist der Kalibergbau mit massiven Eingriffen in die Umwelt verbunden. Da der Wertstoffgehalt im abgebauten Salz nur bei etwa 30% liegt, entstehen große Mengen an sogenannten Abfällen (vor allem Steinsalz) in der Produktion. Sie werden in Form von Abwässern in die Werra eingeleitet oder in den Untergrund verpresst. In fester Form bringt man sie auf die weithin sichtbaren Halden, welche schon heute Dimensionen erreicht haben, dass es über 1.000 Jahre dauern wird, bis sie vom Regen aufgelöst sind. So lange muss die aus ihnen austretende hochkonzentrierte Salzlösung gefasst und abgeleitet werden. Allein diese Haldenabwässer reichen, um Nachwuchs von Süßwasserfischen in der Werra langfristig zu verhindern!

Durch die Abwassereinleitungen von Halden und aus der Produktion sowie an verschiedenen Stellen aus dem Untergrund wieder hervortretenden verpressten Salzabwässer wird die Werra zum salzigsten Fluss in Europa. Deshalb gibt es im Einflussbereich des Salzbergbaus viele Fisch- und Kleintierarten, die dort vorkommen müssten, nicht mehr. Stattdessen findet man im Salzwasser vorkommende Arten wie den getigerten Flohkrebs. Wo die Salzabwässer aus dem Untergrund in den Uferwiesen der Werra austreten, findet man statt Gras salzliebende Pflanzen wie den Queller.

Das Grundwasser der Region wird durch aus dem Untergrund aufsteigende Abwässer der Kaliindustrie immer stärker versalzen. Neuere Erkenntnisse belegen, dass die Salzabwässer im Grundwasser in der Lage sind, Schwermetalle aus den dort vorhandenen Tonschichten zu lösen und damit freizusetzen. Im Gebiet der Gemeinde Unterbreizbach musste deshalb die Grundwassernutzung untersagt werden.

Aus meiner Sicht ist die Beeinträchtigung des Grundwassers durch Abwasserversenkung und aus den Halden austretende Abwässer am gefährlichsten, da der Austausch von Grundwasser sehr lange Zeit braucht und somit noch mehrere Generationen nach uns unter der Versalzung zu leiden haben werden.

Eine weitere Gefahr wird durch die im Bergbau entstandenen Grubenhohlräume verursacht. Werden sie nicht verfüllt, sind in Zukunft über Tage Senkungen der Erdoberfläche zu erwarten, die zu gravierenden Schäden an Gebäuden und Straßen führen können und eventuell sogar die Fließrichtung der Werra beeinflussen. Die Sanierung der Gruben aus der DDR-Kaliindustrie im Werrarevier wird nach aktuellen Schätzungen etwa 2 Milliarden Euro kosten. Die K+S-AG hat bisher insgesamt deutlich weniger als 1 Milliarde Euro Rücklagen für die Sanierung ihrer Gruben und Halden gebildet und das auch nur bilanziell. Damit wird sich in 1.000 Jahren die Entsorgung von Haldenabwasser sicher nicht finanzieren lassen.

Arbeitsplatzsicherung durch Umweltschutz?!

Neue Produktionsweisen, die in anderen Ländern der Welt bereits praktiziert werden, lassen nach meiner Überzeugung eine umweltverträgliche Kali-Produktion bei gleichzeitig besserer Ausnutzung der Lagerstätte möglich werden. Damit können Arbeitsplätze gesichert werden und die Gefahr, dass der Staat perspektivisch für Altlasten von K+S aufkommen muss, reduziert sich. Dazu sollte der Kalisalzabbau künftig in langen Kammern erfolgen, die anschließend mit Produktionsabfällen wieder verfüllt werden. Nach Verfestigung dieses Versatzes können die stehengebliebenen Pfeiler aus wertvollem Kalisalz noch genutzt werden.
Außerdem kann durch Eindampfung des Abwassers der Kaliproduktion und der Halden vom Kalidünger bis zu Streusalz eine Menge an Wertstoffen gewonnen werden. Der Kaliumgehalt im Abwasser von K+S ist höher als der Kaliumgehalt des Toten Meeres, aus dem israelische Firmen Kalidünger gewinnen! Zusammen mit dem Sondershäuser Kaliforschungsinstitut K-utec werden nach vielen Jahren der Ablehnung solcher Verfahren durch K+S endlich konkrete Vorarbeiten zur Umsetzung einer abwasserfreien Kaliproduktion begonnen. Schätzungen von K+S sprachen vor einigen Jahren davon, dass mit dieser Form der Abwasseraufbereitung 300 Arbeitsplätze am Standort Merkers verbunden wären. Ich finde, das ist ein lohnenswertes Ziel. Seine Umsetzung kostet nur einen kleinen Anteil der Dividende der Aktionäre der K+S-AG.

Quelle: http://www.die-linke-saalfeld-rudolstadt.de/aktuell/aktuell/detail_nachrichten/artikel/kalibergbau-an-der-werra/