3. Mai 2017 Stefan

Die faschistische Ideologie des B. Höcke

Dass die AfD-Vorsitzende Petry auf die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl verzichtet, gilt als Ergebnis des internen Machtkampfes des rechten mit dem ganz rechten Flügel innerhalb der Partei. Ein zentraler Gegenspieler ist dabei der Thüringer Landes- und Fraktionschef der AfD, Björn Höcke. Der Machtkampf tobt bereits eine ganze Weile und spitzt sich zur Bundestagswahl hin zu. So droht Petry, die auch Landesvorsitzende in Sachsen ist, die Anfechtung der Kandidatenliste für die Wahl. Ute Nürnberger, ihrerseits nicht nur Höcke und den Parteiströmungen um ihn nahestehend, sondern auch Verbindungsglied zu den Nazis von Thügida, dem Dritten Weg und der NPD, klagt gegen die Aufstellung der Kandidaten, da ihr eine Kandidatur auf Grund dieser Nähe zu extremistischen Organisationen versagt wurde. Sogar Nürnbergers rechtmäßige Mitgliedschaft in der AfD ist fraglich und wurde wiederholt verneint, angezweifelt und dann wieder bestätigt. Nach seiner sogenannten "Dresdner Rede" hat Petry mit ihren Verbündeten innerhalb der Partei ein Ausschlussverfahren gegen Höcke eingeleitet. Darin wirft sie ihm Verherrlichung der NS-Zeit vor, was zumindest laut Satzung in der AfD nicht erlaubt ist. Doch als Begründung für den Ausschluss wird nicht nur die im Brauhaus Watzke gehaltene Rede angeführt, in der Höcke etwa eine "180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik" gefordert hatte. Erstmals wird auch die mögliche Identität Höckes mit "Landolf Ladig" im Ausschlussantrag herangezogen. Landolf Ladig ist ein Pseudonym, unter dem in NPD-Blättern – vor allem der Eichsfeld-Stimme – mehrere Texte erschienen sind.

Dass es sich bei Höcke und Ladig um dieselbe Person handelt, steht schon länger im Raum. Der Soziologe Andreas Kemper geht bereits seit 2015 den Spuren nach und förderte eine erdrückende Indizienkette zu Tage, die diese Identität sehr wahrscheinlich macht: So drückt Ladig in einem Artikel 2011 sein Bedauern darüber aus, dass der nationalsozialistischen "Antiglobalisierungsbewegung" nicht mehr "Friedensjahre vergönnt" gewesen seien, da das Deutsche Reich angeblich überfallen worden sei. In diesem die NS-Zeit verherrlichenden, geschichtsrevisionistischen Text finden sich gleich passagenweise Formulierungen aus einem Text von Björn Höcke von 2008 getreu wiedergegeben. Im Jahr 2012 bezeichnet "Ladig" diese im NS-Staat "institutionalisierte Antiglobalisierungsbewegung" mit der Wortneuschöpfung "organische Marktwirtschaft". Die "Glut" sei nicht erloschen, eine "Avantgarde" der "identitären Systemopposition" kämpfe für eine "neue organische Marktwirtschaft". Ein Jahr später fordert Höcke die Einführung dieser "organischen Marktwirtschaft" an Stelle der "entartete[n] Volkswirtschaft". In diesem Vortrag von 2013 rezitiert Höcke den Beitrag Ladigs aus dem NPD-Blatt Eichsfeld-Stimme wörtlich, in dem auch Höckes Wohnort beschrieben wird. Zudem nutzen Höcke wie Ladig weitere Begriffe, die in der politischen Diskussion nur selten verwendet werden, in der gleichen ungewöhnlichen Bedeutung. Dass Höcke nicht nur von Ladig abschrieb, sondern Ladig auch von Höcke, macht eine Identität beider sehr wahrscheinlich. Ein ziemlich gutes Bekanntschaftsverhältnis des Herausgebers der NPD-Schriften, Thorsten Heise, seines Zeichens militanter Nazi, der derzeit auch NPD-Chef in Thüringen ist, mit Höcke scheint dies noch einmal zu untermauern.

Schon 2015 verlangte der damalige gemäßigte AfD-Bundesvorstand unter Bernd Lucke auf Grund dieser Beweislage, dass Höcke eine eidesstattliche Versicherung zu mutmaßlichen NPD-Kontakten unterschreiben soll. Das verweigerte Höcke und sagte laut ZEIT damals: "Ich habe niemals unter einem Pseudonym für eine NPD-Zeitung geschrieben." Obwohl die Indizien ein sehr deutliches Bild zeichnen, muss man sie nicht als zwingend ansehen, wenn man nicht will. Dass das AfD-Schiedsgericht in Thüringen, welches für das Ausschlussverfahren gegen Höcke verantwortlich ist, dies so betrachtet, ist eher fraglich. Allerdings wird von Petry und den Unterstützern des Ausschlussantrags nun auch ein Zeuge vorgebracht, dem Höcke selbst offenbart haben soll, dass er Ladig ist. So heißt es im Antrag, dass Höcke sich zu einem Treffen mit einem früheren AfD-Kreisvorsitzenden in Südthüringen, Heiko Bernardy, am Burschenschaftsdenkmal verabredet und diesem gegenüber zugegeben haben soll, dass er Ladig sei. Laut FAZ soll Bernardy dies dann dem früheren thüringischen AfD-Vorsitzenden Matthias Wohlfarth mitgeteilt haben, der nun wiederum in einer dem Ausschlussantrag beigelegten Erklärung behauptet, dass Bernardy auch bereit wäre, dies vor dem zuständigen Schiedsgericht auszusagen. Ein solches Geständnis durch Höcke, von einem Zeugen bestätigt, würde die Chancen des Parteiausschlussverfahrens erheblich erhöhen. Außerdem heißt es in der Erklärung von Wohlfahrt: "Herr Bernardy führte darüber hinaus noch aus, dass selbst dem kleinsten NPD-Funktionär die früheren Aktivitäten des AG [= Antragsgegner, also Höcke] kein Geheimnis seien."

Doch gegenüber der FAZ gibt sich Bernardy selbst verunsichert und wiegelt ab: "Die Möglichkeit, etwas missverstanden zu haben, ist immerhin real. Deshalb kann es für mich juristische Folgen haben, dies öffentlich zu behaupten. Zumal mir mindestens eine Person bekannt ist, welche unter diesem Pseudonym geschrieben haben will. Und diese Person ist nicht Höcke. Das lässt zumindest Zweifel aufkommen. So wie ich es mittlerweile verstehe, ist Landolf Ladig eine Kunstperson, unter der mehrere Autoren veröffentlicht haben." Tatsächlich hat die ZEIT nun einen unbeachteten Artikel von Ladig gefunden, der die These des Mehr-Personen-Pseudonyms unterstützt. Der im aktuellen Nazi-Duktus geschriebene Text, der die ankommenden Flüchtlinge als "Umvolkung" und "Vernichtungskrieg gegen das deutsche Volk" bezeichnet, wendet sich gegen die Kirchen in Deutschland, denen er Verrat am Volk vorwirft. Er erschien ebenfalls in einem Blatt von Heise. Kemper vermutet daher, dass es sich eher um den Versuch handelt, von Höcke abzulenken. Gegenüber der ZEIT erklärt der Soziologe: "In Wortwahl und Stil unterscheidet sich der neue Artikel maßgeblich von allem, was wir bislang von Ladig lesen konnten." Damit würde zwar die Behauptung Bernardys, dass mehrere Autoren unter dem Pseudonym geschrieben haben, bestätigt. Aber die Zuschreibung der ersten Texte aus den Jahren von 2011 bis 2013 zu Höcke ist damit nicht vom Tisch. Der "neue" Artikel Ladigs erschien erst im Februar 2016, und damit bereits nachdem Höcke das erste Mal wegen der Ladig-Texte in Bedrängnis geraten war. Daher kommt Kemper wenig überraschend zu dem Schluss, dass jemand aus Heises Umfeld den Artikel mit der Absicht geschrieben haben könnte, Höcke zu entlasten. Die Aussagen Bernardys zeigen dann eher an, wie diese Strategie genutzt werden soll. Der textliche Befund zeigt aber gerade, welche Texte vom selben Autor stammen und welche nicht, wodurch sich die Zuordnung der NS-Verherrlichung in den frühen Ladig-Schriften zu Höcke eher untermauern lässt.

"Die faschistische Ideologie, die in Höckes Aussagen deutlich wird, wird in den 'Ladig'-Texten zugespitzt und ist unverblümt NS-verherrlichend." meinte Kemper bereits 2016. Inzwischen ist auch Petry zu dieser Überzeugung gekommen und nutzt sie in ihrem Machtkampf für sich. Selbst in der AfD liegt nun alles auf dem Tisch, wenn auch zu befürchten ist, dass weite Teile der Partei in der Ideologie Höckes auch weiterhin kein Problem sehen. "Jedem, der sich mit Höcke gemein macht, muss klar sein, dass er einen lupenreinen Antisemiten und Rechtsextremisten unterstützt." erklärt Katharina König daher und fordert Höcke zur Rückgabe seines Landtagsmandats auf.

Quelle: http://www.die-linke-saalfeld-rudolstadt.de/aktuell/aktuell/detail_nachrichten/artikel/die-faschistische-ideologie-des-b-hoecke/